My Lord, es ist angerichtet: Der neue Land Rover Range Rover L460 bittet zur ersten Ausfahrt. Wetter und Straßen im Salzburger Land ähneln etappenweise jenen in den schottischen Highlands und zwischendurch verlassen wir gar bekannte Pfade und biegen ab in den österreichischen Forst.
Freilich mit Genehmigung und politisch korrekt auf ohnehin von Herrn oder Frau Berufsjäger befahrenen Wegen. Ist der Chauffierte hinten rechts bereits eingedöst, er wird kaum merken, ob unter den gewaltigen 23 Zöllern nun Gras, Schotter oder Asphalt erklommen wird. Betont sanft geht das adaptiv geregelte Luftfahrwerk samt optionaler Wankstabilisierung (Dynamic Response Pro) des Range Rover zu Werke und lässt kaum eine Unebenheit in den luxuriösen Innenraum dringen. Eine um sieben Grad einschlagende Allradlenkung ist ab sofort immer mit an Bord. Der Wendekreis des 5,05 Meter langen Geländewagens beträgt so nur knapp 11 Meter - Golf-Niveau!
Motorseitig bewegen wir uns mit dem vorläufigen Top-Modell P530 AWD MHEV (Kraftstoffverbrauch kombiniert: 11,9 l/100 km; CO2-Emissionen kombiniert: 270 g/km)² vorwärts und wie es die Nomenklatur schon erahnen lässt, sorgen nach alter Rechenart stolze 530 Pferdestärken (und 750 Newtonmeter Drehmoment) dafür, dass dem 2,6 Tonner in keiner Fahrsituationen die Souveränität abhandenkommt. Der 4,4-Liter-Biturbo-V8 wurde von BMW gestiftet, ist mild elektrifiziert, aber sonst sehr altgedient.
In durchaus glaubhaften 4,6 Sekunden sprintet der Luxus-Laster mit sich leicht aufbäumender Karosse aus dem Stand auf Tempo 100 und klingt bei Vollgas noch dazu so, wie man es von einem herrschaftlichen Achtzylinder erwartet. Es darf in dieser Fahrzeugklasse eben doch noch etwas verschwenderischer zugehen, bevor voraussichtlich ab 2024 der erste vollelektrische Range Rover gezeigt wird. Ein kurzer Blick auf den Bordcomputer ließ derweil einen Durchschnittsverbrauch um 13 Liter auf 100 Kilometer erkennen.
Reichweitenstarke Plug-in-Hybride und sparsame Reihensechszylinder-Dieselvarianten (siehe auch Fahrbericht Defender D300) gibt es ebenfalls, doch die reine Lehre in einem ausgewachsenen Range Rover lautet nun einmal auf Benzin, Hubraum und vielleicht zwei Turbolader. Gekoppelt an ein famos schaltendes Achtgang-Automatikgetriebe von ZF sowie den stets traktionsstarken Allrad bleiben in Sachen Antriebskomfort keine Wünsche übrig. Gegen Aufpreis aktive Geräuschunterdrückung mit Lautsprechern in den Vorder- und Rücksitzen sorgt ebenfalls dafür, dass die Welt da draußen nicht mit der Welt hier drinnen kollidiert.
Den um 20 Zentimeter verlängerten Range Rover Long Wheelbase hinzugenommen, gibt es neuerdings drei verschiedene Sitzkonfigurationen - vom Vier- bis zum Siebensitzer inklusive dritter Stuhlreihe. Für das Picknick wird aus der gewohnt zweigeteilten Heckklappe wiederum eine mit 300 Kilogramm belastbare Sitzgelegenheit nebst Rückenlehne, die auch als Kofferraumteiler fungieren kann.
Nach VDA-Norm 818 Liter fasst das Gepäckabteil normalerweise, werden alle Sitze hinter der ersten Reihe versenkt reichen die entstehenden 1.841 Liter auch zum Umziehen oder Übernachten. Wer es dagegen vorzieht seine Schlafgelegenheit (oder sein Riva Boot) hinter sich herzuziehen, darf standesgemäße 3,5 Tonnen an den Haken nehmen. Weniger Nutz-, mehr Luxusmobil soll der Range Rover sein? Dann lohnt der Blick ins SV-Programm. Exklusives Leder und allerhand Außenlackierungen runden das Angebot weiter ab.
Bei all dem feinen Pomp bleibt am Ende auch etwas Raum für Feinkritik. So ist das „Pivi Pro“ genannte Infotainment-System zwar mittlerweile schneller und insgesamt reaktionsfreudiger geworden, an der Bedienlogik sowie der hausintern entwickelten Sprachbedienung hapert es dennoch weiterhin. Mit der serienmäßigen Integration von Amazon Alexa scheint man in diesem Bereich aber ohnehin das Zepter weitereichen zu wollen. Voraussichtlich Ende 2023 folgt dann die Möglichkeit durch das neue Apple CarPlay selbst das digitale Kombiinstrument im gewohnten Telefon-Bedienstil angezeigt zu bekommen.
Wer nun auf den Geschmack gekommen ist - die Preise für den neuen Range Rover starten ab 125.900 Euro, der günstigste P530 HSE kostet mindestens 154.800 Euro. Gleich schick, aber etwas weniger groß und überdies etwas wenig teuer ist der neue Range Rover Sport. Er startet ab 93.000 Euro.
Land Rover hat sein Flaggschiff mit viel Feinsinn sowohl optisch als auch technisch weiterentwickelt. Der Range Rover in fünfter Generation ist weiterhin klar als solcher zu erkennen, brüskiert nicht die Fangemeinde, schafft aber dennoch Anreize von anderen Marken den Wechsel zu wagen. Überdies war der Einsatz des bärenstarken BMW-V8 ein kluger Schachzug von den Engländern, wohingegen das Infotainment seine Tücken nicht gänzlich ablegen kann. Die Alternative außerhalb des Jaguar Land Rover-Konzerns ohne Geländefähigkeiten, aber mit identischem V8, heißt BMW X7. (Text und Bild: Thomas Vogelhuber)
*Herstellerangaben